Geschichte

Das Amalienbad

Im sozialdemokratischen Kommunalkonzept kam Körperkultur nicht zu kurz. Laufend wurden neue Sportanlagen errichtet.

Noch vor dem Stadionbad und dem Praterstadion entstand in den Jahren 1923-1926 das Amalienbad. Mit einer Kapazität von 1.300 gleichzeitigen Besuchern war es das größte Hallenvolksbad Wiens.
Die von den Architekten Otto Nagel und Karl Schmalhofer gestaltete Anlage setzt als freistehender, symmetrischer Monumentalbau klare Akzente im Stadtbild um den Reumannplatz. Funktionalismus und Jugendstil prägen den kubischen Bau, der mit seinen gestaffelten, verschieden hohen Baukörpern die innere Raumordnung und den Zweck der Anlage widerspiegelt. Das Amalienbad zählte zu den größten und technisch am besten ausgestatteten Bädern Europas. So ließ sich beispielsweise das Hallendach innerhalb von fünf Minuten öffnen.

Mit einem vielfältigen Angebot an Badeeinrichtungen wurden die Bedürfnisse der Menschen nach einem höheren Standard der Hygiene und Körperkultur weiter gefördert. Neben der großen Schwimmhalle mit Sportbecken (33,3 x 12,5), Sprungeinrichtungen, Zuschauertribünen mit Platz für 500 Personen, und einem Kinderplanschbecken gab es auch Brause-, Wannen-, Luft- und Sonnenbäder und zentrale Ruheräume. Die Abteilung „Medizinische Bäder“ umfaßte Anlagen für
Schlammbäder, elektrische Bäder, Sole- und Gasbäder. Die Dampfbäder boten je eine Heißluft- und Dampfkammer, ein Kalt- und Warmwasserbecken, Räume für Massage und Körperpflege.

Zahlreiche Elemente der achtstöckigen Anlage wurden vom Wiener Kunstgewerbe im Übergang vom späten Jugendstil zum Art Deco beeindruckend gestaltet, insbesondere das Vestibül und die Dampfbäder. In der internationalen Fachwelt fand das kommunalpolitische Konzept wie die architektonische Realisierung des Amalienbades hohe Anerkennung und wurde als „Tempel der Badekultur“ gefeiert.

Diesem positiven Urteil konnten sich die Christlichsozialen in keiner Weise anschließen. Sie kritisierten die dezentrale Lage in einem Arbeiterbezirk. So schrieb ihr Zentralorgan „Reichspost“ am 17. September 1933: „Die Gemeindeverwaltung trieb einen Luxusaufwand, der mit ihrem Vernichtungskrieg gegen allen Luxus in schreiendstem Widerspruch stand. Die Steuergelder rieselten den Gemeindevätern nur so aus den Händen. Auch Proletarier brauchen Bäder. Also baute man ihnen einen kostspieligen Bäderpalast, in dem sie sich gar nicht heimisch fühlten.“

Doch das Amalienbad wurde von den Wienern und insbesondere von der Favoritner Bevölkerung vom ersten Tag an angenommen, nicht zuletzt auch wegen der niedrigen Bäderpreise. In seiner Eröffnungsansprache am 8. Juni 1926 entgegnete Bürgermeister Karl Seitz den Kritikern: „Da, just in diesem Proletarierbezirk, haben wir dieses Bad gebaut, weil wir wollen, daß Körperkultur in die breitesten Massen des Volkes dringe. Es soll hier deutlich gezeigt werden, daß der Mensch, insbesondere der arbeitende Mensch, der Luft, des Lichtes und des Wassers bedarf. Wir alle haben ja noch eine Zeit erlebt, in der das Baden sozusagen noch ein Luxus war. Die heutige Zeit hat auch hier Wandel geschaffen.“

Das Amalienbad kombinierte in seiner Konzeption gesunde Freizeitgestaltung mit aktiver Sportpflege. Der Förderung des Breitensports entsprach die bewußte Gestaltung der Schwimmhalle zur Abhaltung sportlicher Wettkämpfe. Schwimmwettbewerbe am Nachmittag des 1. Mais wurden zur Tradition.

Der Wiener Arbeiter- Turn- und Sportverein (WAT) veranstaltete regelmäßig Schwimmkurse, im Jahr 1931 beispielweise an 52 Abenden mit insgesamt 11.146 Teilnehmern, das heißt mit durchschnittlich 214 Besuchern pro Abend.

Viele Generationen von Kindern – auch der umliegenden Bezirke – haben seit der Einführung des obligatorischen Schwimmunterrichts an den Schulen, im Jahr 1926, im Amalienbad schwimmen gelernt.

Das kommunale Reformwerk: Zu den ersten Maßnahmen der sozialdemokratischen Stadtverwaltung zählte die Einrichtung von Mutterberatungsstellen und Bezirksjugendämtern. In Favoriten wurden diese 1919 im Amtshaus in der Laxenburger Straße untergebracht.

Der Aufbau eines engmaschigen Netzes öffentlicher Wohlfahrtseinrichtungen kam insbesondere den Kindern und Jugendlichen zugute. Die bis 1919 erschreckend hohe Säuglingssterblichkeit konnte durch die Schaffung von Entbindungsheimen, Mutterberatungsstellen, Säuglings- und Kinderkrippen gesenkt werden. Sehr populär war das Gratispaket mit Säuglingswäsche der Stadt Wien. Unter Stadtrat Prof. Julius Tandler wurden weiters Kinderambulatorien, Ferienheime, Kindergärten und Horte, Schulzahnkliniken, schulärztlich Untersuchungen, Kinderfreibäder, Werkstätten, Jugendherbergen, Spielplätze und Berufsberatungsämter eingerichtet. Die Stadt Wien schuf auch spezielle Schulen für Behinderte, Lungenheilstätten und ein Zentralkinderheim. Bis 1928 wurden in Favoriten neun Kindergärten mit 29 Abteilungen verwirklicht. Eine bemerkenswert schöne Anlage ist der Kindergarten im 1923 neugeschaffenen Waldmüllerpark. 1928 wurde das Kinderfreibad im Arthaber – Park eröffnet. Einen frischen Wind in die Klassenzimmer brachten nach 1918 engagierte sozialdemokratische Lehrer und Lehrerinnen mit neuen Ideen. Unter dem Motto „Von der Drillschule zur Arbeitsschule“ wurden in Wien die Lehrerausbildung und Schullehrpläne grundlegend reformiert. Die Schülerinnen und Schüler wurden aktiv in den Unterricht einbezogen, um Kreativität und Selbständigkeit bestmöglich zu fördern.

In Favoriten erinnert der Josef Enslein-Platz an den Lehrer, der als Mitarbeiter des Stadtschulratspräsidenten Otto Glöckel maßgeblich an der Schulreform im Roten Wien mitwirkte.

International bekannt wurde das erste Montessori-Kinderheim der Stadt Wien in der Troststraße 78 in Favoriten. Ähnlich den Glöckel’schen Prinzipien der Arbeitsschule entwickelte Dr. Marie Montessori eine Methode zur möglichst freien Entfaltung der Kinder. Ihre Selbständigkeit sollte durch die Einbeziehung von Alltagsarbeiten in die Lehrpläne und einer Art Selbstverwaltung der Kinder im Heim (Garten, Küche, Bibliothek) gefördert werden. Zentrale Bedeutung hatte dabei die kindergerechte Einrichtung der Heime. Der Verein „Wiener Haus der Kinder“ war 1920 mit der finanziellen Unterstützung Englands gegründet worden. 1923 konnte die Schule in der Troststaße 78 für 40 Kinder eröffnet werden.

Die kommunalpolitischen Ressorts Wohnbau, Bildung, Sport und Jugend waren vom sozialdemokratischen Anspruch zur Schaffung eines „Neuen Menschen“ stark geprägt. Lange Zeit „Stiefkinder der Nation“, sollten nun die Arbeiter und Arbeiterinnen einen gerechten Anteil am materiellen und kulturellen Reichtum der Gesellschaft erhalten. Von den Christlichsozialen als „Wohnungsbolschewismus“ und „Steuersadismus“ geschmälert, fand das kommunale Reformwerk jedoch international viel Beachtung und Anerkennung.

1919 waren in der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 11.564 Männer und Frauen in 25 Sektionen organisiert. Durch die konsequente lnteressenvertretung der Freien Gewerkschaften, der Frauen- und Jugendorganisationen, die Leistung der Konsumgenossenschaften, die Attraktivität der Sportorganisationen und vor allem durch die kommunalpolitischen Erfolge des Roten Wien konnten die Mitgliedszahlen der SDAP konstant gesteigert und bis 1931 fast vervierfacht werden. In diesem Jahr erreichte die SDAP mit knapp 42.000 Mitgliedern und 2.850 Vertrauenspersonen einen Höchststand.

Bei den Bezirks- und Gemeinderatswahlen 1923 konnten die Sozialdemokraten ihre Position in Favoriten ausbauen. In der Bezirksvertretung konnten 23 Sitze errungen werden, die Christlichsozialen blieben mit 7 Sitzen abgeschlagen. Acht Sozialdemokraten vertraten die Favoritner Bevölkerung im Gemeinderat. Von den 54.871 Wählern und Wählerinnen waren damals schon knapp 50 Prozent in der SDAP organisiert.