Geschichte

Das Arbeiterheim Favoriten

Der "Verein Arbeiterheim Favoriten" war bereits am 23. Mai 1896 - an diesem Tag wurden seine Statuten bewilligt - gegründet worden. Sein Ziel war es, die nötigen Mittel zum Bau eines Heimes für alle Arbeiterorganisationen des 10. Bezirks aufzubringen, denn der ständige Mangel an geeigneten Verein- und Versammlungslokalen behinderte die politische Arbeit.

Unter dem Vereinsobmann Simon Schwarzbauer begann bald eine rege Sammeltätigkeit, doch reichten die Spenden kaum für die Anzahlung zum Kauf eines Baugrundes. Erst nachdem der ursprünglich skeptische Victor Adler und die „Arbeiter-Zeitung“ sich voll hinter dieses Projekt stellten, konnten die erforderlichen Mittel aufgebracht werden.

Eine Jury vergab nach einer Ausschreibung das Projekt an den jungen Architekten und Otto-Wagner-Schüler Hubert Gessner. Schon nach einjähriger Bauzeit konnte das Arbeiterheim am 6. September 1902 mit einem „Festkommers“ in den Sälen eröffnet werden. Die offizielle Festversammlung fand einen Tag später statt. Victor Adler gedachte in seiner Eröffnungsrede des steinigen Weges der jungen Sozialdemokratie: „So mancher, der in diesem Saale ist, wird sich noch erinnern, wie wir begonnen haben, wird sich der langen Nächte erinnern, wie wir in elendsten Schlupfwinkeln gehaust haben, wie wir verfolgt, gehetzt, verachtet, verhöhnt waren in diesem Österreich, in diesem Wien; und er wird daran denken, welcher Arbeit von Zehntausenden es bedurft hat, um dem Arbeiter in diesem Reiche und in dieser Stadt Respekt zu schaffen. Nun sind wir ein Stück weiter: Hier sind wir zu Hause. Wir haben ein Heim!“

Dieses erste Arbeiterheim wies eine vielfältige Infrastruktur auf und wurde so für Jahrzehnte zum pulsierenden Kommunikationszentrum der politischen Arbeit der Wiener und insbesondere der Favoritner Sozialdemokraten. Das Arbeiterheim war damals der Sitz aller Gewerkschafts- und Kulturorganisationen, sowie der meisten politischen Vereine der Sozialdemokratie in Favoriten. Es gab einen großen Theatersaal mit 1.117 Sitzplätzen, fünf kleinere Säle, darunter einen Turnsaal, und zehn Klubzimmer mit einem variierbaren Fassungsraum von 50 bis 500 Personen. Räume wurden auch vom Konsumverein, der Arbeiterkrankenkasse und einer Gastwirtschaft belegt, die ab 1907 in Eigenregie geführt wurde. In den oberen Stockwerken befanden sich 40 Wohnungen.

Das Arbeiterheim war von Anfang an ein Zentrum der Bildungsarbeit und vielfältiger kultureller Aktivitäten. hier befand sich zum Beispiel auch die große Zentralbibliothek. Die Bezirksbildungsorganisation und der Volksbildungsverein organisierten zahlreiche Kurse, Vorträge und Konzerte im Arbeiterheim. Sehr populär wurde das „Favoritner Volkstheater“, das im großen Theatersaal Operetten, Heimatstücke und sozialkritische Dramen zur Aufführung brachte.

1904 und 1912 wurde das Arbeiterheim baulich erweitert (1912 wurde im Arbeiterheim eines der ersten Kinos Favoritens eröffnet). Nach Schwarzbauer fungierten Franz Feilnreiter und Julius Kopriva als Obmänner des „Vereins Arbeiterheim“. Berthold Alt wurde der, mit Leib und Seele engagierte, erste Verwalter.

Schon bei seiner Eröffnung galt das Arbeiterheim infolge seiner inneren Konzeption und seiner Fassade als beispielhaftes modernes Bauwerk, das radikal mit dem vorherrschenden Historismus brach und eine echte Bereicherung der Wiener Jugendstil-Architektur darstellte. Hubert Gessners „sachliche und zugleich formschöne Bauweise“ fand breite öffentliche Zustimmung, und die Proportionen wurden als „groß zu wirken, ohne brutal zu sein; schlicht, ohne armselig zu scheinen; streng, ohne herb zu werden“ positiv beurteilt.

Das Favoritner Arbeiterheim galt ursprünglich als „roter Punkt im schwarzen [d. h. christlichsozialen] Wien“. Im Laufe der Jahrzehnte wurde es zum Schauplatz wichtigster Momente der Parteigeschichte. 1903 wurde hier zum ersten Mal ein Parteitag abgehalten. Viele weitere folgten, bis schließlich 1933 der letzte, außerordentliche Parteitag vor dem Verbot der Partei stattfand.

Zweimal drang die Polizei widerrechtlich in das Arbeiterheim ein. Bei den Landtagswahlen am 5. November 1902 verlor Victor Adler sein Favoritner Mandat durch Wahlschwindel an die Christlichsozialen. Ein riesiges Wachaufgebot sollte jeden Protest der Arbeiterschaft sofort zerstreuen. Beim Einsatz gegen hunderte Menschen, die auf das Wahlergebnis beim Arbeiterheim warteten, ging die Polizei provokant und brutal vor. Auf der Straße und im Heim attackierten die Wachleute wild zahlreiche Passanten mit blanken Säbeln. Die Opferbilanz waren 15 Schwerverletzte, zahlreiche Leichtverletzte und schwerer Schaden an der Inneneinrichtung des Heimes durch mutwillige Zerstörungen.

Dem Polizeipräsidenten waren die Übergriffe sehr peinlich. Man versprach dem scharf protestierenden Victor Adler eine ordnungsgemäße Untersuchung, die man aber im Sand verlaufen ließ.

Ein weiteres Mal drang die Polizei 1923, nach dem von einem Nationalsozialisten verübten Mord an einem sozialdemokratischen Ordner, still in das Arbeiterheim ein.

Während des Ersten Weltkrieges wurde das Arbeiterheim zum Teil in eine Kaserne verwandelt. Für die kriegsleistungsverpflichteten Arbeiter der rüstungswichtigen Betriebe wurde eine Ausspeisung eingerichtet.

Nach 1918 fanden im Arbeiterheim oftmals Konferenzen der Arbeiterräte mit stürmischen Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten statt.

Seine vitale und natürliche Funktion verlor das Arbeiterheim in der Zeit des Austrofaschismus und Nationalsozialismus. Zuerst nistete sich die Vaterländische Front im Heim ein, ihr folgten NSDAP-Organisationen.

Nach der Befreiung vom Faschismus wurde das Gebäude nicht an die SPÖ zurückgegeben, sondern diente vorerst der sowjetischen Besatzungsmacht. In sehr schlechtem Zustand wurde der Bau am 13. August 1951 an den Bezirksvorsteher Karl Wrba übergeben. Nach Beendigung der wichtigsten Renovierungsarbeiten konnte das Arbeiterheim am 22. März 1952 wieder eröffnet werden. Der große Kinosaal, die Gartensäle, das Bezirkssekretariat und die Konsumfiliale waren instandgesetzt. Die dafür notwendigen Investitionskosten wurden durch „Bausteinaktionen“, Zusatzmarken zum monatlichen Mitgliedsbeitrag und zeitweilige zentrale Unterstützung finanziert.

Das Arbeiterheim wurde rasch wieder zum pulsierenden Zentrum der Favoritner Sozialdemokratie. Im Jahr 1955 wurden bereits 191 Versammlungen in Arbeiterheim abgehalten. Neben politischen Versammlungen und Konferenzen fanden zahlreiche Kultur- und Unterhaltungsveranstaltungen statt, wie etwa Konzerte der Favoritner Arbeitersänger und der Arbeitersymphoniker, Lichtbildvorträge, Ausstellungen, Lieder- und Kabarettabende, Kinder- und Schulbälle, Bälle der Eisenbahner und der FSG sowie der jährliche „Rote Herzen Ball“.

Verschiedene Sportvereine fanden hier eine langjährige Heimstätte und trainierten zum Beispiel Stemmen, Judo und Boxen. Das Arbeiterheim war regelmäßiger Treffpunkt einiger Sektionen wie auch zahlreicher sozialistischer Organisationen wie der Sozialistischen Jugend, den Roten Falken, den Kinderfreunde, der Jungen Generation, dem BSA, dem Freien Wirtschaftsverband, der Volkshilfe, der Pensionisten und insbesondere auch des Sozialistischen Kulturverbandes Favoriten. Doch durch alte, bleibende Schäden an der Bausubstanz hatte sich der Zustand des Arbeiterheimes von Jahr zu Jahr verschlechtert. Das Kino musste geschlossen werden. 1985 übersiedelte das SPÖ-Bezirkssekretariat in die Ausweichräume Leebgasse 4. Von grundlegender Bedeutung für die Rettung des Arbeiterheims war der Denkmalschutz-Bescheid vom 30. September 1984. Doch dauerte es noch Jahre, bis die zähen Bemühungen der SPÖ Favoriten, mit der Generalsanierung des Arbeiterheims zu beginnen, realisiert wurden.

Zusagen einzelner Spitzenpolitiker der SPÖ, das Arbeiterheim könne anläßlich des Jubiläums ‚100 Jahre Sozialdemokratie‘ saniert werden, wurden nicht erfüllt. Ein einstimmiger Beschluß des Landesparteitages 1987 unterstrich die Verantwortung der Gesamtheit. Das Arbeiterheim wurde schließlich saniert und dient nun wieder als zuhause der Bezirksorganisation der SPÖ Favoriten.