Geschichte

Die Entstehung Favoritens

Favoriten entstand als zehnter Bezirk Wiens im Jahr 1874. Am 27. September jenes Jahres erfolgte die offizielle Genehmigung durch die Stadthalterei. Favoriten war damit der erste zu Wien gehörende Bezirk außerhalb des Linienwalls (des heutigen Gürtels), der 1704 zum Schutz der neuen Vorstädte errichtet worden war. Der erste Bezirksvorsteher wurde der politisch liberale Realitätenbesitzer Johann Steudel.

Seit den 1840er Jahren war die Siedlung südlich des neuangelegten Süd bzw. Ostbahnhofs rasch angewachsen (damals Gloggnitzer bzw. Raaber Bahn). Doch erst 1874 entschlossen sich die Behörden, aus den Teilen des 4. und 5. Bezirks, die vor der namen-gebenden Favoriten-Linie lagen, dem Teil des Linienwalls um den heutigen Südtiroler Platz, einen eigenen Bezirk zu bilden. Damals wurde Favoriten von 26.789 Menschen bewohnt und bestand aus 83 Gassen bzw. Plätzen und 940 Häusern.

Ein „Bezirk ohne Vergangenheit!“ wurde manchmal gespottet. Favoriten hat tatsächlich keinen historisch gewachsenen Ortskern, doch geschichtsträchtig ist der Favoritner Boden durchaus. Das bezeugen Funde aus der Frühe Eisenzeit (ca. 800 v. Chr.), und auch die Römer, die bereits in den heißen Quellen von Ober Laa badeten, haben ihre Spuren hinterlassen.

Im Mittelalter wurde die Fläche des heutigen Favoriten landwirtschaftlich genutzt. In klimatisch günstiger Lage wurden auf hartem Lehmboden Ackerbau, Weinbau und Viehzucht betrieben. Die Bauern lebten in verstreuten Gehöften oder auch in den Dörfern Ober- und Unter Laa, Rothneusiedl und Inzersdorf.

Das bedeutendste Monument aus dieser Zeit ist die sagenumwobene Spinnerin am Kreuz, eine gotische Denksäule, die 1451/52 unter der Leitung des Baumeisters vom Stephansdom, Hans Puchsbaum, an Stelle des ursprünglichen Steinkreuzes errichtet wurde. Die Säule markierte die äußerste Grenze der Wiener Stadtgerichtsbarkeit. In unmittelbarer Nähe befand sich das Hochgericht, wo bis 1868 öffentliche Hinrichtungen durch den Galgen oder das Rad erfolgten.

Die Gewinnung von Ziegeln geht bis ins Mittelalter zurück, nahm aber erst im 19. Jahrhundert einen großen Aufschwung. Im Vormärz etablierten sich mehrere populäre Gasthöfe, von denen das Alte Landgut das bestbesuchte war.