Geschichte

Die Favoritner Tschechen

Die vielen tschechischen Familiennamen und die zum fixen Bestandteil der Wiener Küche gehörenden tschechischen Spezialitäten sind bleibende Zeugen der einst starken ethnischen Minderheit in Wien. Ihr politisches Vermächtnis wird dabei oft übersehen.

Im Jahr 1900 wurden in Wien 102.974 Tschechen gezählt, davon 23.437 in Favoriten, was 20 Prozent der Bewohner des 10. Bezirks darstellte. Doch in Wirklichkeit lagen die Zahlen weit höher, da bei den offiziellen Volkszählungen nie nach der Volksgruppe bzw. Muttersprache, sondern immer nur nach der Umgangssprache gefragt wurde. Einerseits wollten viele Zuwanderer als assimiliert gelten, andererseits übten christlichsoziale Stadtverwaltung sowie deutschnationale Kreise einen starken Druck aus – beispielsweise bei Bediensteten der Stadt Wien und Hauspersonal – sich zur deutschen Umgangssprache zu bekennen. Seriöse Schätzungen sprechen für die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg allein in Favoriten von über 80.000 Tschechen oder sogar mehr. Die Zuwanderung der Tschechei hatte vor allem ab der Mitte des 19. Jahrhunderts eingesetzt. In Favoriten war das Wohnen billiger als im übrigen Wien, und in den Ziegelwerken, den Industrie- und Gewerbebetrieben fand man Arbeit. Neben den „Ziegelbem“, deren furchtbare Ausbeutung Victor Adler eindringlich geschildert hat, gehörten dieser vielschichtigen Bevölkerungsgruppe berühmte Ärzte, namhafte Künstler und Architekten ebenso wie die legendären Schneider und Schuster, Ammen und Köchinnen an.

Am 29. März 1868 wurde in Wien der erste Tschechoslowakische Arbeiterverein gegründet. 1874 schufen Favoritner Tschechen den Arbeiterbildungsverein „Delnicka Jednota“ (mit Sitz in der Hinteren Südbahnstraße 13). Es folgten in Favoriten der kurzlebige Tschechische Konsumverein, der sozialdemokratisch Kulturverein „Obcanska Beseda“ (Sitz im Gasthaus Tomašek in der Rotenhofgasse 32) und der Sparverein „Zižka“. 1883 kam es mit dem Verein „Rovnost“ zur Neugründung der 1881 behördlich aufgelösten “ Delnicka Jednota“. Der 1897 geschaffene Arbeiterturnverein DTJ (Delnicke Telocvicne Jednoty) nahm einen schnellen Aufschwung.

Sport- und Kulturvereine sowie die Schaffung tschechischer Schulen bildeten die Grundelemente der Pflege der tschechischen Nationalität in Wien. Und gerade darum entwickelte sich in den beiden letzten Jahrzehnten der Monarchie ein heftiger Streit, denn Bürgermeister Karl Lueger und seine Christlichsozialen empfanden die assimilierungsunwilligen Tschechen als Störfaktor im deutschsprachigen Wien. Die christlichsoziale Stadtverwaltung und die Deutschnationalen behinderten insbesondere das tschechische Schulwesen in Wien.

Schon 1872 war der tschechische Schulverein „Komenský'“ gegründet und 1883 sein erstes Schulgebäude mit drei Ersten Klassen und einem Kindergarten in der Ouellenstraße 72 eröffnet worden. 1885 wurde der Bau erweitert. Die Schüler mußten aber ihre Abschlußprüfungen in Böhmen oder Mähren ablegen. Der sozialdemokratische Lehrer und Politiker Karl Seitz unterstützte die tschechischen Eltern in ihrer Forderung, den Komenský-Schulen das Öffentlichkeitsrecht zu gewähren.

Doch auf nicht gerade christliche Weise gelang es den Christlichsozialen, die Neueröffnung tschechischer Schulen zu verhindern. Immer öfter wurden auch tschechische Feste und Versammlungen gewaltsam gestört. 1897 kritisierte Lueger, daß im Gemeindedienst immer nur Personen mit „deutscher“ Nationalität eine Anstellung fänden. Im tschechischen Schulstreit mit Seitz meinte Lueger im Gemeinderat jedoch unmissverständlich: „Ich bin stolz darauf, daß ich in Wien das Deutschtum erhalten habe. Die Germanisierung muß ruhig, aber desto sicherer durchgeführt werden.“

Trotz der Rückwanderungswelle nach 1918 entwickelte sich das tschechische Kultur- und Schulwesen im Wien der Ersten Republik rasch weiter. Die neue sozialdemokratische Stadtverwaltung richtete 10 Schulen mit tschechischen Klassen ein; in Favoriten in den Volksschulen Laaer-Berg-Straße 1 und Triester Straße 114 und in der Bürgerschule Laaer-Berg-Straße 170.

In der Zwischenkriegszeit erschienen zwei tschechische Tageszeitungen und mehrere Wochenblätter. In Favoriten wirkten 52 tschechische Vereine in Kultur, Politik und Sport. Im Zentrum stand dabei der Tschechische-Herz-Platz am Laaer Berg, der vom gleichnamigen 1918 gegründeten Sozialverein eingerichtet wurde.

Bei den Wahlen zur Nationalversammlung 1919 erreichte eine tschechische Liste ein Mandat, bei den kurz darauffolgenden Wiener Gemeinderatswahlen wurden acht Sitze gewonnen. Anton Machat war der Klubobmann der tschechischen Gemeinderatsfraktion. Er gilt als der prominenteste Minderheitenpolitiker der Ersten Republik.

Die 1921 gegründete Tschechoslowakische Sozialdemokratische Arbeiterpartei Osterreichs unterstützte bei den folgenden Wahlen die SDAP. Bei allen folgenden Gemeinderatswahlen fielen dafür automatisch zwei Mandate an die Tschechen, wovon ein Favoritner Mandat Anton Machat bis 1934 wahrnahm.

Im Austrofaschismus wurden alle Arbeiter-Organisationen, also auch die tschechischen, verboten. Zahlreiche Favoritner Tschechen wirkten in der illegalen Sozialdemokratie.

Der Nationalsozialismus zielte auf die baldige Germanisierung, das heißt die völlige Assimilierung oder Aussiedlung der Tschechen ab. Der Druck auf die noch legalen tschechischen Vereine und Schulen wurde immer stärker, bis schließlich der Komenský-Schulverein 1942 und die letzten beiden tschechischen Schulen im Frühjahr 1945 aufgelöst (und nach 1945 nicht mehr wieder eröffnet) wurden.
Hunderte tschechische Frauen und Männer hatten sich dem antifaschistischen Widerstand angeschlossen. 69 wurden hingerichtet, darunter zehn Personen aus Favoriten. Die nationalsozialistische Herrschaft behinderte und lähmte das autonome kulturelle Leben der Wiener Tschechen in vieler Hinsicht. Davon konnte sich die traditionsreiche ethnische Minderheit nicht mehr erholen: Noch vor 1945 schmolz sie rasch. Und nach Kriegsende emigrierten Tausende in die wiedererstandene Tschechoslowakei, Zehntausende galten bereits in Wien als assimiliert. Die neuen politischen Verhältnisse in der CSSR – die Kommunisten hatten im Februar 1948 die Macht übernommen – spalteten die Wiener Tschechen in zwei Lager.

Das Gebäude der Komenský-Schule diente noch einige Jahre bis zu seinen Verkauf mehreren Vereinen als Unterkunft. Mit dem Verkauf des Tschechischen-Herz-Platzes in den siebziger Jahren ging der letzte repräsentative Treffpunkt der Tschechen in Favoriten verloren. Die tschechoslowakischen Sozialdemokraten sind trotz des schmerzhaften Assimilierungsprozesses bis heute politisch aktiv. 1946 war die Tschechoslowakische Sozialistische Partei Österreichs entstanden (Ceskoslovenska Socialisticka Strana). In enger Verbindung zu ihr stehen der Sportverein „DTW“ und die 1904 gegründete Kulturvereinigung „Máj“.

Der Sitz der Favoritner Bezirksorganisation der Tschechischen Sozialisten befindet sich in der Gußriegelstraße 52.