Geschichte

Die Pölzer-Saga

Zwei Favoritner Legenden: Amalie und Johann Pölzer.

Gemeinsam mit Franz Schuhmeier und Albert Sever verkörperte Johann Pölzer das Idealbild eines sozialdemokratischen Volkstribunen und Vertrauensmannes.
Der bei den Favoritnern überaus beliebte Pölzer Schani stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Er wurde am 30. Jänner 1872 in Alt-Petrain im südmährischen Thayatal geboren, besuchte eine einfache Dorfschule und kam als Jugendlicher auf Kost und Quartier in eine Schneiderlehre nach Wien. Durch den Schneidergesellen Karl Smitka (nach 1907 sozialdemokratischer Abgeordneter) wurde er früh politisiert.

Nach seiner Lehre zog Pölzer als „Bettgeher“ in die Hasengasse. In seiner Freizeit besuchte er Vorträge im Arbeiterbildungsverein und volkstümliche Universitätskurse. Er engagierte sich bereits in jungen Jahren gewerkschaftlich im Gehilfenausschuss und in der Genossenschaftskrankenkasse, gehörte 1894 zu den Gründungsmitgliedern der Sozialdemokratischen Bezirksorganisation Favoriten, deren Obmann er mit 25 Jahren 1897 wurde und bis 1934 blieb.

Pölzer war das völlige Gegenteil eines Parteibürokraten, immer am Puls der Favoritner, überall im Bezirk anzutreffen: beim Greißler, im Wirtshaus, an Fußballplatz, in den Sektionen und Organisationen. Victor Adler, Otto Bauer und Karl Renner wussten seine persönliche Meinung als „politisches Stimmungsbarometer im Volk“ sehr zu schätzen. Pölzer setzte sich zielstrebig für die rasche Realisierung des Arbeiterheims Favoriten ein. In die große Öffentlichkeit als politischer Mandatar trat er 1908, als er im Wahlkreis Favoriten in den niederösterreichischen Landtag gewählt wurde.

1919 wurde Pölzer, nach einem kurzen Zwischenspiel als niederösterreichischer Landesrat und Mitglied des provisorischen Wiener Gemeinderates, als Abgeordneter des Viertels unter dem Manhartsberg in den Nationalrat gewählt. Durch mehrere Jahre fuhr er fast jedes Wochenende in seinen Wahlkreis, sprach dort auf Versammlungen und Konferenzen in der einen oder anderen seiner insgesamt 420 politisch zu betreuenden Landgemeinden. Erst 1927, als Friedrich Adler Sekretär der Sozialdemokratischen Arbeiterinternationale in Zürich wurde, übernahm Pölzer dessen Nationalratsmandat in Favoriten.

Seine Frau Amalie, geborene Baron, hatte Johann Pölzer durch sein frühes Mitwirken im Favoritner Arbeiterbildungsverein „Bildungsquelle“ kennengelernt, wo Amalie die Bücherei organisierte. Vater und Großvater waren bereits Sozialdemokraten. Bekannt war ihr Großvater, der als Ziegelarbeiter bei der Wienerberger Ziegelfabrik AG den jungen Victor Adler in die Unterwelt der „Sklaven am Wienerberg“ eingeschleust hatte und so dessen aufrüttelnde Berichterstattung ermöglichte.

Amalie Pölzer engagierte sich als Sozialdemokratin insbesondere für die Rechte der Frauen. Die gelernte Weißnäherin war Gewerkschafterin, Mitbegründerin des Lese- und Diskutierklubs „Libertas“, Vorsitzende des Fürsorgevereins „Societas“ in Favoriten und gründete 1901 den „Verein Sozialdemokratischer Frauen und Mädchen“. 1919 zog sie als erste Favoritnerin in den Wiener Gemeinderat ein und wirkte im Wohlfahrtsausschuß.

1924 riss sie der Tod mitten aus dem politischen Leben und ihrer Familie. Johann Pölzer konnte ihren Tod nur schwer verwinden. Als Obmann der Favoritner und Wiener Parteiorganisation fand er Ablenkung von diesem schmerzlichen Verlust, indem er sein Privatleben völlig aufgab und noch mehr für die Partei arbeitete. 1932, Pölzer war damals 35 Jahre Bezirksobmann, zählte der Bezirk 42.000 SDAP Mitglieder, 1897 hatte er die Organisation mit 383 übernommen.

Doch Pölzers schonungsloses Engagement schlug sich mit einem Herzleiden nieder. So lag er am 12. Februar 1934 schwerkrank auf der Herzstation. Bei Ausbruch der Kämpfe eilte er trotz ärztlicher Warnung aus dem Krankenhaus in seinen Bezirk, brach jedoch zusammen und musste wieder ins Spital. Dort wurde er verhaftet und ins lnquisitenspital verlegt. Kurz nach seiner Rückführung auf die Herzstation starb Johann Pölzer am 21. April 1934.

Als Karl Renner als Untersuchungshäftling in seiner Zelle im Landesgericht vom Tod Pölzers erfuhr, schrieb er einen Brief an Pölzers Tochter Amalie, in dem er das Ehepaar Pölzer als Mitmenschen und Politiker würdigt: „Mit den Jahren lernte ich ihre selbstlose Opferfreude, ihre schrankenlose Hingabe nicht nur an die Sache, sondern auch an die Mitmenschen und Mitkämpfer schätzen; das waren Sozialisten nicht nur in der Idee, sondern vor allem in der täglichen Praxis, im Dienst an den konkreten Menschen; das war das nie erlöschende ‚ewige Licht‘ im grauen Alltag, die immer gleiche menschliche Wärme in der Eiskälte des versachlichten Daseins der Arbeiterschaft! Das Bild dieses Lebens, dieses Vorbild, hat mehr als alles gelehrte Schrifttum in mir die Überzeugung gekräftigt, daß der Sozialismus siegen wird. Es galt immer als Ergänzung: Uns, die mit dem Wort und der Feder wirken, denen der Sozialismus zunächst Wissenschaft ist, führt diese Art des Dienstes an der Sache weitab vom Einzelmenschen und von der Tagesarbeit; daß es Vertrauensmänner gibt wie Pölzer, macht erst die Bewegung ganz, ohne solche ist all unser Bemühen Schall ohne Widerhall.“

Die drei Kinder von Amalie und Johann Pölzer wurden vom politischen und menschlichen Wirken ihrer Eltern stark geprägt. Alois war Eisenbahner, Gewerkschafter und Obmann der Sozialversicherung der Eisenbahner. Johann war in der Ersten Republik Betriebsratsobmann im E-Werk in der Engerthstraße. Dort legte er am 12. Februar 1934 einen Teil der Stromversorgung Wiens lahm, das vereinbarte Zeichen zum Generalstreik. Er wurde vom Standgericht zum Tode verurteilt, konnte aber in die Tschechoslowakei entkommen. Nach 1945 wurde Johann Pölzer junior Favoritner Gemeinderat, Vorsitzender der Gewerkschaft der Gemeindebediensteten, Abgeordneter zum Nationalrat und geschäftsführender Obmann des Arbeiterheims Favoriten. Amalie wurde ebenfalls engagierte Sozialdemokratin und war mehrere Jahre Sekretärin Karl Renners.

In Favoriten wurde das Amalienbad schon bei seiner Eröffnung nach ihrer Mutter, der unvergeßlichen „Bezirksmutter“ benannt. Der Pölzerhof (Dampfgasse 35-37) erinnert an das Wirken des Vaters, und die Johann-Pölzer Gasse wurde nach dem Sohn benannt.