Geschichte

Die roten Favoritnerinnen

Im Kampf um soziale und politische Rechte der Arbeiterschaft spielten die Frauen eine bedeutende Rolle.

Einerseits waren da jene Frauen, die sich in der Sozialdemokratie engagierten, andererseits alle Frauen, die als Arbeiterin, Ehefrau und Mutter unter gleich dreifacher Belastung standen.
Extrem war die Situation der Ziegelarbeiterinnen. Franz Brabanec, ein Gewerkschafter der Ziegelarbeiter, beschrieb ihre Lage so:
„Die Frauen führten das grausamste Leben, das man sich denken kann. Sie mußten alle häuslichen Arbeiten verrichten – wie kochen und Wäsche waschen – und dann trachten, so bald wie möglich auf den Schlagplatz zu kommen. Hatte sich eine verspätet, so musste sie zu aller Plage von dem Manne noch Schimpfworte hören.“
Schon ab 4 Uhr früh wurde den Frauen ein kräfteraubender Arbeitseinsatz mit Ziegelverladen und Ziegelschlagen abverlangt. Auch die Kinder mussten in der Früh rechtzeitig zum Schlagplatz gebracht werden, weil sie vor der Schule, sofern sie überhaupt angehalten wurden, diese zu besuchen, Arbeiten zugeteilt bekamen, wie z. B. Sand herzurichten. Darum waren auch schon viele Kinder frühzeitig abgearbeitet.
Nach einer Geburt bekamen die Frauen in der ersten Woche zwei Gulden, in der zweiten Woche eineinhalb Gulden und in der dritten Woche gar nichts mehr, wodurch sie gezwungen waren, gleich wieder zu arbeiten. Dasselbe galt auch bei Unfällen. Viel Mühe und Geduld erforderte allerdings auch oft das Familienleben:
Statt Ruhe und Harmonie nach schwerer Arbeit galt es mit dem Alkoholismus der Ehemänner fertigzuwerden. An den Beginn der politischen Frauenarbeit in Favoriten erinnert sich Adelheid Popp: „Eine der schönsten Frauenversammlungen tagte zu Weihnachten 1892 in den Rosensälen in Favoriten. Man lebte nur für die Partei, und alle anderen Interessen traten vollständig zurück. Sonntag vormittags und nachmittags, oft auch abends, waren Versammlungen.“

Um die planmäßige Agitation der Frauen kümmerten sich unter anderen besonders die Genossinnen Pölzer, Donner, Kunst und Valenta aus Favoriten. Wie schwierig die Parteiarbeit der Frauen damals war, schildert Therese Schlesinger: „Jede Rednerin und jede Häuseragitation wurde auf Schritt und Tritt mit den ordinärsten Beschimpfungen überhäuft, und in den entlegensten Teilen von Favoriten war man wirklich am Abend seines Lebens nicht sicher.“

Dazu Erinnerungen aus jener Zeit von Amalie Pölzer:
„Drei Jahre konnte ich mich wegen meiner kleinen Kinder der Organisation nicht widmen, aber als dann Landtagswahlen im Jahre 1901 waren, arbeiteten die Genossinnen fieberhaft. Dann wurde auch der Verein Sozialdemokratischer Frauen und Mädchen gegründet, und die Genossen unterstützten uns in unserer Werbetätigkeit. In der Monarchie waren Frauen nicht wahlberechtigt. Den meisten Beamtinnen (insbesondere Lehrerinnen) war die Ehelosigkeit vorgeschrieben. Der Zugang von Frauen zu höherer Bildung (Gymnasien, Universitäten) wurde erst um die Jahrhundertwende möglich. Für Kinder aus Arbeiterfamilien war er aber weiterhin in der Praxis unerschwinglich. Mit der Errichtung der Republik 1918 konnten wichtige Forderungen von der Sozialdemokratie durchgesetzt werden: das aktive und passive Wahlrecht für Frauen, die Rechte für Hausgehilfinnen und der Ausbau des Mutterschutzes. In den zwanziger Jahren wurden kurze Haare (‚Bubikopf‘) und kurze Kleidung zum Symbol eines neuen weiblichen Selbstbewusstseins in Beruf und öffentlichem Leben.“

Am 8. März wurde alljährlich der Internationale Frauentag mit großen Kundgebungen gefeiert. Demonstriert wurde unter anderem für gleichen Lohn bei gleicher Arbeit und für die Freigabe der Schwangerschaftsunterbrechung, die durch den § 144 kriminalisiert wurde. Nur langsam konnten mehr Frauen für politisches Engagement gewonnen werden, denn Beruf, Haushalt und Familie ließen kaum Zeit. 1919 waren in Favoriten von 11.564 Parteimitgliedern 1.540 Frauen, etwa 13,3 Prozent. In den zwanziger Jahren konnte der Frauenanteil stark ausgebaut werden. 1929 waren von 41.000 Mitgliedern 14.125 Frauen, schon 35 Prozent. Das Frauenkomitee organisierte der Vertrieb der Zeitschrift „Die Frau“, die Nachfolgerin von „Die Unzufriedene“. Kurse zu politischen und Rechtsfrage aber auch Haushaltskurse und Exkursionen wurden laufend veranstaltet. Stellvertretend für die Tausenden Rote Favoritnerinnen in der Ersten Republik seien hier die Gemeinderätinnen Amalie Pölzer und Marie Bock sowie die Bezirksrätin Betty Giebel erwähnt.