Geschichte

Die sozialdemokratische Kulturbewegung

Von besonderer Bedeutung für die Sozialdemokratie war es von je her Kunst, Kultur und Bildung für die breiten Massen zugänglich zu machen.

1927 feierten die „Favoritner Unterrichte“ (Bildungsorganisationen der SDAP) und das Arbeiterheim ihr 25-jähriges Bestandsjubiläum. In seiner Festrede fasste Robert Danneberg die Fakten zusammen:
„Das Haus verfügt über 2.767 Sitze; kein Wiener Theater faßt so viele Personen. In diesem Heim wurden 334 Universitätskurse, 84 Veranstaltungen des Volksbildungsvereines, 312 Urania Vorträge, 876 Vorträge außerhalb des Rahmens unserer Unterichtsorganisation veranstaltet, 2.876 Kinovorstellungen, 2.119 Theatervorstellungen und 2.687 Konzerte und Feiern gegeben.“

Einen überzeugenden Aufschwung verzeichnete die Arbeiterbücherei unter ihrem jahrzehntelang verantwortlichen Bibliothekar Johann Friedl. 1908/09 wurden an rund 1.000 Leser 13.364 Bücher verliehen, 1927 wurden von zirka 4.000 Lesern 168.042 Bücher ausgeborgt.

Die Bücher von vielen der Arbeiterberwegung nahestehenden und zeitkritischen Schriftstellern – wie z. B. des Franzosen Emile Zola, des Amerikaners Upton Sinclair, des Russen Maxim Gorki und des Österreichers Ludwig Anzengruber – aber auch klassische Literatur wurde über die Arbeiterbüchereien jedermann zugänglich gemacht. Aus eigenen Mitteln und mit großem Idealismus geschaffen, waren diese Bildungseinrichtungen in ihrer Dichte einzigartig.

1926 übersiedelte die Favoritner Arbeiterbücherei in ihr neues Heim im Gemeindebau Hasengasse 38. Zweigstellen befanden sich in der Bürgergasse 22, in der Siedlung Süd-Ost und in der Rasenstadt (Raxstraße 15).

Zur Stärke der Sozialdemokratie trugen ihre zahlreichen Vorfeldorganisationen entscheidend bei. Der Republikanische Schutzbund zählte in Favoriten 1931 mehr als 3.000 Aktive. In der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) waren damals 1.544 Jugendliche organisiert. Ihre Hauptaufgabe sah die Arbeiterjugend in der Erziehung zu sozialdemokratischer Bildung und Gemeinschaftsleben. Dazu gehörte auch die konsequente Ablehnung von Alkohol und Nikotin.

Der sozialistische Erziehungsverein „Freie Schule – Kinderfreunde“ betrieb drei Horte, die von 211 Kindern besucht wurden. Alle Obmänner der 49 Favoritner Elternvereine (ein Gymnasium, 16 Haupt- und 32 Volksschulen) waren Mitglieder der „Kinderfreunde“. Insgesamt waren rund 3.000 Favoritner bei den „Kinderfreunden“ organisiert. 550 Rote Falken waren in 19 Gruppen aktiv. Gut besucht waren insbesondere das Frühlingsfest (Tag des Kindes), die Republikfeier und die Ferienkolonien. Einzig in Favoriten gab es eine Bezirksgruppe der Sozialistischen Studenten (VSStÖ), die 1923 gebildet wurde und ein reges politisches Leben entwickelte. Von einer starken Massenbasis getragen waren die Arbeiter-Sport- und Turnvereine. Der Favoritner WAT verfügte 1931 neben dem Sommerturnplatz am Laaer Berg über 8 weitere Turnplätze; sie wurden im Durchschnitt wöchentlich von 1.260 Turnern besucht. Im Favoritner ASKÖ waren 42 Arbeitersportvereine zusammengefaßt, davon 25 Fußballklubs mit insgesamt 1.280 Mitgliedern und der Motorradverein mit 270 Mitgliedern.

Mit besonderem Stolz konnte die Favoritner Sozialdemokratie auf eine Vielzahl ihr nahestehender kultureller Vereine verweisen. Musik-, Theater- und Tanzgruppen, Naturfreunde und Touristen, Abstinenten, Esperantisten, Freidenker, Arbeiterfilmer und -funker erfassten zehntausende Favoritner und Favoritnerinnen zur aktiven und schöpferischen Freizeitgestaltung. Um die Mitte der zwanziger Jahre war die Stimmung der österreichischen Sozialdemokratie von starkem Optimismus geprägt, der durch das Motto „Mit uns zieht die neue Zeit!“ seine wahrscheinlich treffendste Charakterisierung erfuhr. Diese Aufbruchstimmung sollte aber schon bald in krassem Widerspruch zur ernsten innenpolitischen Situation stehen.