Geschichte

Einigkeit macht stark: Arbeiter und Arbeiterinnen organisieren sich!

Die frühe Zeit der Sozialdemokratie war geprägt von bewegten Kämpfen um elementare Rechte für die ärmeren Bevölkerungsschichten. Partei und Gewerkschaften forderten Arbeiterschutzgesetze, insbesondere den Achtstundentag, das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen, erschwingliche Wohnungen und Mieterschutz.

In Favoriten bildeten sich die ersten lokalen Arbeitervereine nach 1870. Trotz des seit 1867 bestehenden Vereins- und Versammlungsgesetzes versuchten die k. k. Behörden, die Entstehung und Tätigkeit von Arbeiterorganisationen zu behindern. Immer wieder wurden Vereine behördlich aufgelöst, die Bewilligung einer Neugründung hinausgezögert oder untersagt. Der Richtungsstreit zwischen Gemäßigten und Radikalen lähmte ebenfalls die frühe österreichische Arbeiterbewegung.

Neben einigen tschechischen Organisationen entfalteten der Gewerkschaftsverein der Eisen- und Metallarbeiter (Färber’s Gasthaus, Humboldtgasse 28), die Union der Wiener Metallarbeiter (Gasthaus „Zur Zentralbahn“ in der Landgutgasse) und die Gewerkschaft der Sattler (Kepplergasse 2) ein bescheidenes, aber regelmäßiges Organisationsleben.

Ab 1882 wurden Filialen der Allgemeinen Arbeiter-Kranken- und lnvalidenkasse in lnzersdorf, in der Himbergerstraße 41 und ein Jahr später in der Erlachgasse 30 eingerichtet.

Politisiert wurde vielfach in sogenannten „Raucher-“ oder „Pfeifenklubs“, die getarnte Arbeiterorganisationen waren. 1890 wurde in den „Rosensälen“ in der Himbergerstraße (heute Favoritenstraße) der Arbeiterbildungsverein „Bildungsquelle“ gegründet, der rasch zum Mittelpunkt der frühen sozialdemokratischen Parteiarbeit in Favoriten wurde. Bald fand man ein privates Kellerlokal am Humboldtplatz. Schließlich übersiedelte der Verein in ein anderes Kellerlokal in der Alxingergasse 18, von dem der spätere Gemeinderat Berthold Alt berichtete:
„Wenn schönes Wetter war, war es noch erträglich. Wenn es aber draußen regnete und wetterte und man also im Vereinslokal Schutz vor dem Wetter hätte suchen mögen – wie sah es dann aus? Da war dort ein Arbeiten überhaupt nicht möglich; da war das Vereinslokal durch das Wasser, das aus dem Kanal hervordrang, überschwemmt.“

Der junge Karl Renner begann seine Tätigkeit als Bildungsreferent in Favoriten, wo er mit Waldhausen, dem Obmann der „Bildungsquelle“, die Abhaltung eines Kurses „Geschichte der menschlichen Produktion“ vereinbarte.
Seine Erinnerung an diese Zeit:
„Als ich mit meiner Frau in den Arbeiterverein ‚Bildungsquelle‘ in der Alxingergasse kam, fand ich ein Souterrainlokal, das aus einem Vorraum und zwei größeren Sälen bestand. Zu meinem Entsetzen sah ich, daß in dem ersten der beiden Säle Tanzstunden abgehalten wurde und das elende Klavier in den zweiten Saal hinüberklang. Trotzdem begann ich mit etwa fünfzig Hörern, durchaus Arbeiter aus nahen Fabriken und der Südbahnwerkstätte, Männer und Frauen und ganz wenige Jugendliche. Meine langjährige Lebenserfahrung und die Vertrautheit mit der geistigen Voraussetzungen der Menschen, unter denen ich geboren und herangewachsen, bewährte sich durchaus. Von Abend zu Abend wuchs die Zahl meiner Hörer, junge Leute übersiedelten aus dem Tanz- in den Hörsaal, meine Schüler wurden auch Genosse Pölzer und die Genossin Baron, seine spätere Frau Amalie, die beiden vorbildlichen Vertrauensleute des Bezirkes Favoriten. Vor Weihnachten aber beschlossen die Hörer selbst der Kurs müsse fortgesetzt werden, und so dauerte er bis zum 1. Mai 1895. Im kommenden Jahr wurde er wiederholt.“

1891 entstand aus der Gesangssektion der „Bildungsquelle“ der Arbeiter Sängerbund Favoriten, der im kulturellen Leben der Bezirksorganisation noch eine bedeutende Rolle spielen sollte.
Zu dieser Zeit hatten sich bereits zahlreiche gewerkschaftliche Fachvereine gebildet, die besonders für die Verkürzung der Arbeitszeit und die Durchsetzung von Kollektivverträgen eintraten.

Neben Bildungsvereinen und Gewerkschaften war die Genossenschaftsbewegung die dritte Säule, auf der die österreichische Arbeiterbewegung aufbaute. Schon um 1880 konstituierte sich in Favoriten ein tschechischer Arbeiter-Konsumverein. Die „gute alte Zeit“, in der die Löhne oft nicht einmal zum Leben reichten, zwang die Arbeiterfamilien zur Selbsthilfe. Bereits 1912 erzielten die acht Favoritner Filialen des Konsumvereins „Vorwärts“ einen Jahresumsatz von mehr als 1,5 Millionen Kronen bei 5.102 Mitgliedern.
Die Gründung der sozialdemokratischen Bezirksorganisation Favoriten erfolgte 1894 im Gasthaus Menzel in der Götzgasse 6. Der erste Obmann, Alois Treiber, wirkte bis 1897. In diesem Jahr folgte ihm Johann Pölzer in diese Funktion; damals zählte die Bezirkspartei 383 Mitglieder.

„Man holte das Recht sich von der Straße, das hat uns Belgien gelehrt…!“
So lautet der Beginn des populären Wahlrechts-Liedes, das auf die Erkämpfung des allgemeinen Wahlrechts in Belgien anspielt und nach der Melodie der französischen Marseillaise gesungen wird.

Die frühe Zeit der Sozialdemokratie war geprägt von bewegten Kämpfen um elementare Rechte für die ärmeren Bevölkerungsschichten. Partei und Gewerkschaften forderten Arbeiterschutzgesetze, insbesondere den Achtstundentag, das allgemeine und gleiche Wahlrecht für Männer und Frauen, erschwingliche Wohnungen und Mieterschutz.

Neben dem Ziegelarbeiterstreik erlangte der Tramway-Kutscherstreik von 1889 große Bedeutung. Am 21. April traten die Kutscher aus Protest gegen unmenschlich lange Arbeitszeiten, im Extremfall bis zu 20 Stunden täglich, in den Ausstand. Die Tramwaygesellschaft betrachtete alle Streikenden als entlassen und versuchte, möglichst viele Streikbrecher aufzubieten und von der Polizei schützen zu lassen.

Vor der Remise in Favoriten, aber auch in Hernals kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen streikenden Demonstranten, der Polizei und dem Militär. Es gab zahlreiche Verletzte. Einige Tramwaywaggons wurden umgestürzt. Über Favoriten wurde der kleine Ausnahmezustand verhängt, das heißt Sperrstunde für Gasthäuser und Ausgehverbot ab 21 Uhr.
Die Sozialdemokraten unterstützten die Streikenden massiv. Und auch die Presse, Christlichsoziale und Regierung zeigten Verständnis für die Anliegen der Kutscher. Nach dreitägigen Tumulten lenkte die Wiener Tramwaygesellschaft ein und erfüllte die Hauptforderungen der Streikenden, darunter den zwölfstündigen Arbeitstag. Im Sommer 1893 eskalierte in der chemischen Fabrik Wagenmann ein Arbeitskampf gegen extreme Ausbeutungsmethoden. Die schweren Krawalle ereigneten sich besonders auf und um den Columbusplatz herum – sie dauerten zwei Tage.

Politisches Hauptanliegen der Sozialdemokraten war damals die Erkämpfung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes für Männer und Frauen. Bei den Reichsratswahlen von 1897 war man durch das noch herrschende Kurien- und Zensurwahlrecht stark benachteiligt (die Steuerleistung bestimmt den Wert einer Wählerstimme), doch erhofften sich die Sozialdemokraten den Gewinn einiger Mandate in den Wiener Arbeiterbezirken, was jedoch nicht gelang.

„Die Depression war so groß, daß am Abend in einer Versammlung in Rappels ‚Rosensälen‘ hunderte Genossen buchstäblich vor Wut und Schmerz geweint haben wie kleine Kinder“, erinnert sich Johann Pölzer an diese große Enttäuschung.

Doch die Sozialdemokraten setzten den Wahlrechtskampf unvermindert fort – mit Versammlungen, Demonstrationen, Petitionen und der Generalstreikdrohung – bis zum 28. November 1905.

Anton Proksch erinnert sich an dieses unvergeßliche Kindheitserlebnis:
„Ich besuchte die fünfklassige Volksschule in Favoriten, Sonnleithnergasse Quellenstraße. Unsere Klasse lag im zweiten Stock, die Fenster gingen zur Quellenstraße. Der Unterricht am 28. November 1905 begann normal, aber plötzlich hörten wir von der Straße her die Schritte vieler Marschierender. Sie kamen von der Triester Straße her und waren zum großen Teil Ziegelarbeiter aus lnzersdorf. Ich war achteinhalb Jahre alt; aus Gesprächen meiner Eltern hatte ich entnommen, daß sich diesen Tagen ein großes Ereignis vorbereitete; es bezog sich auf ein politisches Problem: das allgemeine, gleiche, geheime und direkte Wahlrecht. Wir Schüler wurden unruhig, denn so wie ich, wussten auch andere durch ihre Eltern etwas davon.“

Durch die unverminderten Forderungen der sozialdemokratischen Partei erzwang man endlich das höchste Recht in einer Demokratie: das Wahlrecht, und damit die Möglichkeit der Bevölkerung nicht nur ein Sprachrohr zu geben, sondern auch direkt die Politik des Landes mitbestimmen zu können.