Geschichte

Rotes Favoriten im Roten Wien

Nicht nur in Wien, sondern auch in Favoriten sind die Sozialdemokraten die bestimmende politische Kraft der frühen Zwischenkriegszeit.

Aufgrund des politischen Umbruchs trat im November 1918 ein provisorischer Gemeinderat zusammen, der aus 84 Christlichsozialen, 60 Sozialdemokraten und 21 Deutschliberalen bestand. Jakob Reumann wurde Vizebürgermeister.

Am 4. Mai 1919 folgten die Gemeinderatswahlen nach dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht. Das Ergebnis war ein Erdrutschsieg für die SDAP, die 100 von 165 Mandaten errang. Die Favoritner Bezirksorganisation stellte mit einem Stimmenanteil von 66 Prozent sieben Gemeinderäte: Berthold Alt, Josef Bombek, Johann Hieß, Julius Kopriva, Anton Meidl, Amalie Pölzer und Johann Schorsch. Mit Jakob Reumann stellte die Sozialdemokratie erstmals den Wiener Bürgermeister.

Ein schweres Erbe wurde übernommen: Wien war eine Gemeinde mit wenig Einnahmen, ohne Wohlfahrtseinrichtungen, mit passiven Betrieben, mit Zehntausenden Obdachlosen und Tuberkulosekranken, die Stadt mit den meisten unterernährten Kindern.

Mit vorerst bescheidenen Mitteln begann die neue Stadtverwaltung ein umfangreiches kommunales Reformprogramm Schritt für Schritt zu verwirklichen. Ziel war die Beseitigung der Wohnungsnot, die Schaffung einer breiten sozialen Fürsorge und eines modernen Gesundheitssystems, die Schulreform und der Ausbau der kommunalen Dienstleistungsbetriebe.

Voraussetzung dafür war die völlige Umorientierung des Steuersystems, das nun die einzelnen Bevölkerungsschichten nach ihrem Lebensaufwand gestaffelt zur Steuerleistung heranzog. Durch eine Reihe von neuen Abgaben, die vor allem Luxusgüter betrafen und stark progressiv waren, wurden die Wohlhabenden wesentlich stärker zur Kasse gebeten. Diese sogenannten „Breitner-Steuern“ wurden nach ihrem Schöpfer Hugo Breitner benannt, der von 1919 bis 1932 Stadtrat für Finanzen war.

Auf Bundesebene zerbrach 1920 die Koalition zwischen Christlichsozialen und Sozialdemokraten. Die SDAP ging in Opposition. Die rote Wiener Stadtverwaltung wurde der politische Gegenpol zur bürgerlichen konservativen Regierung.

Durch Verfassungsgesetze war Wien vor allem auf Betreiben der Christlichsozialen von Niederösterreich getrennt worden. Mit 1. Jänner 1922 war damit die Bundeshauptstadt ein eigenes Bundesland, was Wien große steuerliche Vorteile brachte. Die politischen Umwälzungen im November 1918 veränderten auch die Favoritner Bezirksvertretung grundlegend. Sozialdemokraten und Christlichsoziale besetzten vorerst je 14 Mandate. Der Sozialdemokrat August Sigl wurde Bezirksvorsteher.

Bei den Bezirksvertretungswahlen 1919 erreichte die SDAP die Zweidrittelmehrheit ein klarer Auftrag der Bevölkerung, die sich damals bereits auf über 140.000 belief.

Zentrale Bedeutung hatte die Wohnbautätigkeit der Gemeinde Wien. Unter dem Motto „Gesundes Wohnen – gesunde Menschen“ wurden von der Stadtverwaltung zahlreiche Wohnhausanlagen geschaffen, die mit Gemeinschaftseinrichtungen wie Waschküchen, Kinderspielplätzen, Bibliotheken, Vortragsräumen, Klublokalen, Freibädern, Gasthäusern und Geschäften ausgestattet waren. Mehr als 40 Prozent des jeweiligen Baugrundes wurde nicht verbaut, um ausreichend begrünte lnnenhöfe zu gestalten. Die Wohnungen waren somit hell und nach dem Prinzip „Licht, Luft, Sonne“ ein wesentlicher Faktor im zähen Kampf zur Ausrottung der Tuberkulose. Vor allem waren die Wohnungen erschwinglich. In Favoriten wurde als erstes Volkswohnhaus 1923 der Victor-Adler-Hof in der Triester Straße mit 117 Wohnungen erbaut. 1924 folgte der Quarin-Hof mit 113 Wohnungen.

1930 wurde am Wienerberg der George-Washington-Hof eröffnet, eine der damals größten Wohnhausanlagen Wiens, die teilweise im 10., teilweise im 12., Bezirk liegt. Die Architekten Robert Oerley und Karl Krist folgten dem Konzept der Gartenstadt, spätere Entwicklungen wie Reduzierung der Bauhöhe und Baudichte, Öffnung der Höfe wurden hier vorweggenommen. Die einzelnen Höfe wurden nach den in ihnen gesetzten Pflanzenkulturen benannt (Ahorn-, Akazien-, Birken-, Flieder-, Ulmenhof). Von den 1.085 Wohnungen ist jede mit Balkon oder Loggia ausgestattet. Die Anlage verfügte über zwei Zentralwäschereien, einen Kindergarten, einen Jugendhort, eine Bücherei, eine Mutterberatungsstelle, ein Gast- und Kaffeehaus mit Garten sowie 42 Geschäftslokale.

Ähnlich konzipiert war die größte Wohnhausanlage Favoritens aus der Ersten Republik in der Neilreichgasse 100-106, die über 1.136 Wohnungen verfügte und später Johann-Mithlinger Siedlung benannt wurde.

Mit der Heimbauhilfe unterstützte die Gemeinde Wien auch die Schaffung von Reihen- und Einfamilienbauten. Auf diese Weise entstanden am Wasserturm 190 Einfamilienhäuser, die ins Eigentum der Mieter übergingen.

Bis 1933 wurden in Favoriten 43 Volkswohnhäuser unterschiedlicher Größe gebaut. Insgesamt konnten zwischen 1923 und 1933 9.553 Wohnungen an die Favoritner Bevölkerung übergeben werden.