Geschichte

Victor Adler und die Ziegelarbeiter

Die Entstehung der SPÖ ist unzertrennbar mit der Person Victor Adlers und seinen Reportagen über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen für die Wienerberger Ziegelarbeiter verbunden.

Die gewaltigen Lehmablagerungen im Süden Wiens ermöglichten eine lange Tradition der Ziegelgewinnung, insbesondere am Wienerberg. Bereits 1775 hatte das Militär hier Ziegelbrennereien, die k. k. Fortifikationsziegelöfen, errichtet. Der Privatunternehmer Alois Miesbach und sein Neffe Heinrich Drasche schufen Mitte des 19. Jahrhunderts einen Großbetrieb zur Ziegelgewinnung. Die wirtschaftliche Hochkonjunktur und der Bauboom ließen die Nachfrage nach Ziegeln sprunghaft ansteigen. 1869 übernahm ein Bankkonsortium die großen Ziegelwerke im Süden Wiens und schuf die Wienerberger Ziegelfabrik- und Baugesellschaft. Doch während diese Aktiengesellschaft fette Dividenden an die Teilhaber ausschüttete, arbeiteten und lebten ihre Tausenden Arbeiter unter schrecklichen Bedingungen in den Ziegelwerken.

Von einem Arbeiter auf diese erbärmlichen Zustände aufmerksam gemacht, ließ sich der junge Arzt Dr. Victor Adler von einem Ziegelmeister, dem Großvater von Amalie Pölzer, in die Wienerberger Werke einschleusen.

Dann berichtete er im Dezember in einer mehrteiligen Artikelserie in seiner Zeitung „Gleichheit“ über die „Sklaven vom Wienerberg“. Damit wurde die Öffentlichkeit erstmals auf die fürchterliche Ausbeutung der, meist aus Böhmen und der Slowakei zugewanderten, Ziegelarbeiter aufmerksam gemacht.
Victor Adler prangerte die überlangen Arbeitszeiten an. Siebenmal in der Woche musste damals täglich, bis zu 15 Stunden, gearbeitet werden. Abgestumpft und verzweifelt griffen viele Arbeiter zum Alkohol als tägliches Betäubungsmittel. Adler klagte auch die grauenhaften Wohnverhältnisse an:

„Für die Ziegelschläger gibt es elende ‚Arbeitshäuser‘. In jedem einzelnen Raum, sogenanntem ‚Zimmer‘, dieser Hütten, schlafen je drei, vier bis zehn Familien, Männer, Weiber, alle durcheinander, untereinander, übereinander. Für diese Schlafhöhlen scheint die Gesellschaft sie auch noch ‚Wohnungsmiete‘ zahlen zu lassen, denn der Bericht des Gewerbeinspektors meldet 1884 von einem Mietzins von 56 bis 96 Gulden. Seit einiger Zeit ‚wohnen‘ die Ledigen in eigenen Schlafräumen. Ein nicht mehr benützter Ringofen, eine alte Baracke, wird dazu benützt. Da liegen denn in einem einzigen Raum 40, 50 bis 70 Personen. Holzpritschen, elendes altes Stroh, darauf liegen sie Körper an Körper hingeschlichtet. In einem solchen Raum, der etwa 10 Meter lang, 8 Meter breit und höchsten 2,2 Meter hoch ist, liegen über 40 Personen. Das macht also kaum 4 Kubikmeter Luft pro Person. Da liegen sie denn, diese armen Menschen, ohne Bettuch, ohne Decke. Alte Fetzen bilden die Unterlage, ihre schmutzigen Kleider dienen zum Zudecken. Manche ziehen ihr einziges Hemd aus, um es zu schonen und liegen nackt da. Daß Wanzen und Läuse die steten Bettbegleiter sind, ist natürlich. Von Waschen, von Reinigung der Kleider kann ja keine Rede sein. Aber noch mehr. In einem dieser Schlafsäle, wo 50 Menschen schlafen, liegt in einer Ecke ein Ehepaar. Die Frau hat vor zwei Wochen in demselben Raum, in Gegenwart der 50 halbnackten, schmutzigen Männer, in diesem stinkenden Dunst, entbunden.“

Die Arbeiter und Arbeiterinnen wurden fast ausschließlich in „Blechgeld“ bezahlt. Dieses sogenannte „Truck-System“ bedeutete, dass die ausbezahlten Blechmarken nur in den Kantinen und Geschäften am Betriebsgelände eingelöst werden konnten. Dort wurden meist Waren schlechter Qualität zu überhöhten Preisen angeboten.
Mit seiner engagierten Berichterstattung ging Victor Adler in die Geschichte des sozialkritischen Journalismus ein. Sein unmittelbarer Erfolg war, daß die Gewerbeinspektion das ohnehin ungesetzliche „Truck-System“ sofort untersagte, und die Arbeiter in Bargeld entlohnt wurden. Auch die k. k. Justiz reagierte prompt: Victor Adler und zwei Ziegelarbeiter wurden wegen unbefugter Verbreitung der „Gleichheit“ zu Geldstrafen verurteilt.

Die von Adler aufgezeigten Mißstände führten 1895 zum großen Ziegelarbeiterstreik, an dem sich insgesamt mehr als 10.000 Arbeiter und Arbeiterinnen beteiligten. Die Werksleitung der Wienerberger hatte bereits gemachte Zugeständnisse zurückgenommen und war nicht bereit, mit Arbeitervertretern zu verhandeln.

Der Streik erfasste bald an die 30 Ziegelwerke. Das Einschreiten der Polizei forderte zahlreiche Verletzte, der Ziegelarbeiter Urbanek wurde dabei getötet. Die Sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften organisierten eine beispielhafte Solidaritätskampagne. Favoritner Frauen sammelten Kleidung. In den Gasthäusern Siegel und Heinz wurden Suppe und Brot an die Streikenden und deren Familien verteilt. Victor Adler und Engelbert Pernerstorfer besuchten die Ziegelwerke, worauf Pernerstorfer im Parlament eine dringende Anfrage an den Ministerpräsidenten zur Lage der Ziegelarbeiter richtete. Die sozialdemokratischen Blätter, bald aber auch die bürgerliche Presse, berichteten ausführlich über den Aufstand.

Unter dem öffentlichen Druck wies die Regierung die Ziegelwerksbesitzer an, mit den Streikenden zu verhandeln. Der Wiener Bürgermeister Dr. Grübel erklärte die Streikforderungen für gerecht. Bei den Verhandlungen im Wiener Rathaus stellten sich die erfahrene Gewerkschafter Jakob Reumann und Anton Hueber an die Spitze der 26 Arbeitervertreter der Ziegeleien.

Das Ergebnis war ein erster Sieg für die Ziegelarbeiter: Die Löhne wurden erhöht, die Einhaltung des Elfstundentages und der Sonntagsruhe zugesichert und ein ungerechtes Prämiensystem abgeschafft. Viele Ziegelarbeiter verstanden nun Adler, der meinte:
„Das Elend allein macht vielleicht zum Schnapsbruder. Aber erst die Überzeugung, dass dieses Elend nicht notwendig ist, macht revolutionär!“

Ein Bildungsverein der Ziegelarbeiter hatte unter den Obmännern Dostal und Dufek seit 1891 bestanden. Nach dem Streik wurde 1895 innerhalb des Verbandes der keramischen Arbeiter eine Fachgewerkschaft der Ziegelarbeiter eingerichtet, ein Jahr später unter Führung Josef Raceks der „Fachverein der Ziegelarbeiter“ gegründet. Von den Werksleitungen wurde die Arbeit der Ziegelgewerkschaften massiv behindert. Zahlreiche Versammlungen der Arbeiter fanden damals im populären Gasthaus Chadim am Wienerberg statt.

Ein dauerhafter Erfolg wurde 1905 die Gründung der „Union der Ziegelarbeiter“ unter dem Obmann Karl Korinek und den Sekretären Josef Rosák und später Georg Sedlák. 1909 konnte schließlich der erste Kollektivvertrag für 17.000 Ziegelarbeiter gewerkschaftlich durchgesetzt werden.

Victor Adler hatte sich mit seinem unbeugsamen Einsatz für die rechtlosen Ziegelarbeiter bei der Favoritner Bevölkerung bleibende Anerkennung erworben. Die Sozialdemokraten kandidierten 1901 erstmals bei niederösterreichischen Landtagswahlen und Adler wurde der Kandidat der Favoritner (Wien war damals noch eine Gemeinde in Niederösterreich). Adler siegte über den christlichsozialen Kandidaten (4.298 zu 4.125 Stimmen). Er blieb mit diesem Favoritner Mandat vorerst der einzige Sozialdemokrat im niederösterreichischen Landtag. Sein Sitz ging allerdings 1902 durch massiven und nachweisbaren Wahlschwindel der Christlichsozialen wieder verloren.

Victor Adler blieb mit Favoriten bis zu seinem Tod eng verbunden. Viele hunderte Male sprach er hier in großen und kleinen Versammlungen, in winzigen Kantinen, in von Rauch erfüllten Gasthäusern und in berstend vollen Arbeiterheimen. Besonders gern sprach er aber immer wieder zu seinen tschechischen Ziegelarbeitern.

Zahlreiche Bittbriefe armer Favoritner erreichten Adler, der in vielen Fällen auch individuell helfen konnte, indem er Delogierungen verhinderte, Kleider und Schuhe zahlte, auf sein Arzthonorar verzichtete und den Ärmsten die Medizin zahlte, für Arbeitslose intervenierte oder begabten Arbeiterkindern den Weg zum Studium erleichterte.

Victor Adlers Tod am 11. November 1918 wurde gerade in Favoriten von vielen als schmerzlicher Verlust empfunden. Adler wurde im Arbeiterheim aufgebahrt, und ein gewaltiger Zug begleitete ihn auf seinem letzten Marsch.